Zur Lage der Fußball-Nation19. 08. 2005 - Enrico Barz
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kam am Mittwoch in Rotterdam gegen die Niederlande zu einem 2:2. Ein respektables Remis auf den ersten Blick. Doch einige der Augenzeugen des Spiels machen sich schon wieder Sorgen um die Klinsmann-Elf. Sind diese begründet? Ist das Ziel WM-Titel 2006 zu hoch gegriffen?
Wieder nicht gewonnen - wieder nicht verloren
Die Zahlen lassen sich gewiss unterschiedlich interpretieren. Der angestrebte Sieg gegen eine Größe im Weltfußball ist es erneut nicht geworden. Mittlerweile scheint sich die schwarze Serie gegen die Weltelite zu einer schweren Bürde zu entwickeln. Immer wieder steht das ominöse Datum im Raum. Am 07. Oktober 2000 ist es gewesen, als mit England zuletzt eine Spitzenmannschaft geschlagen wurde (1:0 im Wembley-Stadion).
Optimisten hingegen führen an, dass die deutsche Elf schon lange nicht mehr gegen einen der großen Namen verloren hat. Wo liegt denn nun die Wahrheit - vermutlich irgendwo dazwischen.
Defizite und Chancen
Fakt ist, dass das DFB-Team spielerisch nicht mit Brasilien oder den Niederländern mithalten kann. Selbst taktisch ist man beispielsweise Argentinien oder Italien unterlegen. Doch gibt es weitaus mehr Dinge, die in einem Fußballspiel über Sieg und Niederlage entscheiden. Hier gilt es für Jürgen Klinsmann und sein Trainerteam, den Hebel anzusetzen.
Absolute Grundvoraussetzung ist natürlich die totale Fitness eines jeden einzelnen Spielers. Hier besteht im Hinblick auf die WM wohl kaum Grund zur Sorge. Der Betreuerstab wurde dahingehend besetzt. Dass die körperliche Verfassung zum jetzigen Zeitpunkt nicht optimal ist, lässt sich mit dem frühen Zeitpunkt in der Saison und der kurzen Sommerpause der Nationalspieler erklären.
Ein zweiter ungeheuer wichtiger Punkt ist die persönliche Einstellung der Profis. In Freundschaftsspielen gibt es auf diesem Gebiet erhebliche Reserven. Die Motivationsprobleme gegen die kleinen Fußballnationen sind längst bekannt. Doch selbst für ein Prestigeduell gegen die Niederlande scheint so mancher Profi nicht alle Reserven mobilisieren zu können. Es bleibt die Hoffnung, dass Pflichtspiele eine andere Herangehensweise fördern. Und bei einer WM im eigenen Land sollte ein Mangel an Motivation ohnehin kein Thema sein.
Große Bedeutung hat auch die Taktik. Die Defizite in Sachen taktischer Flexibilität müssen kaschiert werden. Jürgen Klinsmann sollte Spielsysteme finden, die sich am verfügbaren Spielermaterial und deren Fähigkeiten orientieren. Es wird die schwierigste Aufgabe sein, eine Mischung zu finden aus jugendlicher Unbekümmertheit und routinierter Souveränität. Immerhin hat der Bundestrainer wieder eine gewisse Auswahl. In den vergangenen Monaten sind einige neue Namen ins Spiel gekommen. Die Zeiten, als sich der Kader der Nationalmannschaft fast von selbst aufstellte, sind glücklicherweise vorbei.
Erwartungen und Ansprüche
Bei all den angesprochenen Aspekten gilt es jedoch, den ungeheurer großen öffentlichen Druck nicht zu unterschätzen. Die Erwartungshaltung im Lande wird unermesslich hoch sein. Kein Vergleich zu dem, was die Spieler bisher erlebt haben. Forciert durch die eigenen Ansprüche, wird nichts anderes als der WM-Titel gefordert. Ob die Mannschaft diese Last tragen kann, muss sich zeigen.
Ein Freundschaftsspiel knapp zehn Monate vor der Turnier gibt da sicherlich wenig Aufschlüsse. Die Leistungen gilt es daher auch nicht überzubewerten. Trotzdem werden auch die verbleibenden Länderspiele bis zum kommenden Sommer von großer Bedeutung sein. Hier gilt es, das Selbstvertrauen aufzubauen, was gerade für eine WM vor eigenem Publikum von unschätzbarem Wert ist.
Je näher die WM rückt, desto mehr wird in der Öffentlichkeit der Blick auf die Realität verloren gehen. Die Begeisterung und die Vorfreude werden die Erwartungshaltung drastisch steigern. Und wenn die Ergebnisse der Testspiele nicht vollends dagegen sprechen, wird die Hoffnung auf den WM-Titel fraglos bestehen. Ohne diese aber wäre die WM ja auch nur halb so schön. Also sollten wir uns den Optimismus keinesfalls nehmen lassen.
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